Inspirationen zum Nachsinnen

 

Gemeinsam

 

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

 

 

Rose Ausländer

 


 

 

Niemand

 

Ich bin König Niemand
trage mein Niemandsland
in der Tasche
Mit Fremdenpaß reise ich
von Meer zu Meer
Wasser deine blauen
deine schwarzen Augen
die farblosen
Mein Pseudonym
niemand
ist legitim
Niemand argwöhnt
dass ich ein König bin
und in der Tasche trage
mein heimatloses Land

 

 

Rose Ausländer

Einfach

 

Auf einer Insel  lebten drei  fromme Frauen. Von nah und fern kamen die Menschen, um mit ihnen zusammen zu sein und zu beten.

Eines Tages besuchte sie auch der Bischof. Als sich sein Schiff der Insel näherte, erwarteten ihn am Strand drei ärmliche Gestalten.

"Man sagt", begann der Bischof, "dass ihr Gott schaut. Wie betet ihr zu ihm?"

Die Drei sahen sich ratlos an.
"Wir beten einfach: wir sind drei und du bist drei- steh uns bei!"

Der Bischof war bestürzt: "Nichts sonst? kein Vater unser? Kein Rosenkranz? Keine Psalmen?"
So viel Unwissenheit konnte er nicht zulassen und er fing an, ihnen das Vaterunser Wort für Wort vorzusagen.

Als die drei es nachsprechen konnten, verabschiedete sich der Bischof zufrieden.

Aber kaum befand sich sein Schiff wieder auf See, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen:
Hand in Hand eilten die Drei über das Wasser auf ihn zu.
Atemlos riefen sie: "Verehrter Herr, wir haben es vergessen!Wie geht es noch weiter nach 'geheiligt werde dein Name`?" 

Ergriffen warf sich der Bischof auf dem Schiff nieder und berührte mit der Stirn die Planken.
"Betet so weiter, wie ihr es immer getan habt! Gott hört euch!"

Erleichtert verbeugten sich die drei Frauen und gingen beruhigt über die Wellen nach Hause.

 

aus: Geschichten vom Anderen Advent

Wunsch an das Leben

 

Zu sein, wer ich bin,

nicht mehr

aber auch nicht weniger

 

und ganz,

 

um da zu sein

für die,

die ich liebe.

 

 

Catarina Carsten

 Tee trinken und durchatmen

Die Schuldfrage

 

Ein Passant geht die Straße entlang. Plötzlich stürzt ein Mann eilig aus einem Hauseingang- die beiden prallen heftig gegeneinander.

Der Eilige ist furchtbar wütend, schreit und beschimpft den überraschten Passanten.

Daraufhin verbeugt sich dieser und sagt:

"Ich weiß nicht, wer von uns an diesem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige sind, können Sie die Sache einfach vergessen."

Damit verbeugt er sich und geht schmunzelnd seines Weges.

 

nach Anthony de Mello

Der Strom

 

Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte:

„Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.“

„Aber wie sollte das zugehen?“

„Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.“

„Aber kann ich denn nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?“

„In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme.

„Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.“

Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.

aus: „Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“

 

ReiseSegen

 

über dir

das freie Zelt des Himmels

unter dir

erdenwarm die Mutter

die dich trägt

neben dir

die zarte Hand des Freundes

vor dir

flügelhell dein Engel

der dich leitet

in dir

der ewige Gott der dich liebt

 

sein Segen sei mit dir

auf deiner Reise

 

 

 

Cornelia Elke Schray

Fotos: Kai Flemming

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