Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war zuhören. [...]

 

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. [...] Sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm Gedanken auftauchten, von denen er nie gedacht hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie tun wollten. [...]

Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. [...]

So konnte Momo zuhören.“ 

 

(aus dem Märchen Momo von Michael Ende)

Die beiden Wölfe

 

Schweigend saß der Cherokee Großvater mit seinem Enkel am Lagerfeuer und schaute nachdenklich in die Flammen. Die Bäume um sie herum warfen schaurige Schatten, das Feuer knackte und die Flammen loderten in den Himmel. 

 

Nach einer Weile sprach der Großvater: „Flammenlicht und Dunkelheit, wie die zwei Wölfe, die in unseren Herzen wohnen“.

 

Fragend schaute ihn der Enkel an.

 Daraufhin begann der alte Cherokee eine sehr alte Stammesgeschichte von dem weißen und dem schwarzen Wolf zu erzählen.

 

In jedem von uns lebt ein weißer und ein schwarzer Wolf. Der weiße Wolf verkörpert alles Gute, der Schwarze, alles Schlechte in uns. Der weiße Wolf lebt von Gerechtigkeit und Frieden, der Schwarze von Wut, Angst und Hass. 

 

Zwischen beiden Wölfen findet ein ewiger Kampf statt, denn der schwarze Wolf ist böse – er steht für das Negative in uns wie Zorn, Neid, Trauer, Angst, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuld, Groll, Minderwertigkeit, Lüge, falscher Stolz und vieles mehr. 

 

Der weiße Wolf ist gut – er ist Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Freundlichkeit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wahrheit und all das Lichte in uns. Dieser Kampf zwischen den beiden findet auch in dir und mir statt.“ 

 

Der Enkel dachte kurz darüber nach und dann fragte er seinen Großvater:

Und welcher Wolf gewinnt?“

Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.

 

Aber bedenke: wenn du nur den weißen Wolf fütterst, wird der Schwarze hinter jeder Ecke lauern, auf dich warten und wenn du abgelenkt oder schwach bist wird er auf dich zuspringen, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die er braucht. Je weniger Aufmerksamkeit er bekommt, umso stärker wird er den weißen Wolf bekämpfen. Aber wenn du ihn beachtest, ist er beruhigt. Damit ist auch der weiße Wolf glücklich und alle beide gewinnen. 

Das ist die große Herausforderung eines jeden von uns: das innere Gleichgewicht herzustellen.

 

Denn der schwarze Wolf hat auch viele wertvolle Qualitäten – dazu gehören Beharrlichkeit, Mut, Furchtlosigkeit, Willensstärke und großes intuitives Gespür. Aspekte, die Du brauchst in Zeiten, in denen der weiße Wolf nicht weiter weiß, denn er hat auch seine Schwächen.

Du siehst, der weiße Wolf braucht den schwarzen Wolf an seiner Seite. Beide gehören zusammen. Fütterst du nur einen, hungert der andere und wird unkontrollierbar. Wenn du beide fütterst und pflegst werden sie ein Teil von etwas Größerem, das in Harmonie wachsen kann. Füttere beide und du musst deine Aufmerksamkeit nicht mehr auf den inneren Kampf verwenden.

Und wenn es keinen inneren Kampf gibt, kannst du die innere Stimme der alles wissenden Führung hören, die dir in jeder Situation den richtigen Weg deutet.

 

Frieden, mein Sohn, ist die Mission der Cherokee, ist das Leben. Ein Mensch, der den schwarzen und weißen Wolf in Frieden in sich hat, der hat alles. Ein Mensch, der in seinen inneren Krieg gezogen wird, der hat nichts.

 

Dein Leben wird davon bestimmt, wie du mit deinen gegnerischen Kräften umgehst. Lass nicht den einen oder anderen verhungern, füttere sie beide - und beide gewinnen."

 

Indianische Weisheit, Autor unbekannt)

 

Vom Loslassen

 

Es war einmal ein alter Mann auf der wunderschönen Insel Kreta. Seine Liebe zu seinem Land war tief und schön. Als er bemerkte, dass er sterben würde, ließ er sich von seinen Kindern nach draußen bringen und auf seine geliebte Erde legen. Bei seinem letzten Atemzug griff er neben sich und nahm etwas Erde in seine Hände. Er starb als ein glücklicher Mann.

 

Nun trat er vor die Tore des Himmels. Als alter Mann mit weißem Bart kam Gott hinaus, ihn zu grüßen. »Willkommen«, sprach er, »du bist ein guter Mann gewesen. Komm mit hinein in die Freuden des Himmels.« Als aber der alte Mann auf die Himmelstür zuging, sprach Gott: »Aber bitte, du musst die Erde loslassen.«

 

»Niemals!« sagte der alte Mann und trat zurück. »Niemals!«

 

Da ging Gott traurig fort und ließ den alten Mann vor den Toren. Zeitalter verstrichen, da kam Gott wieder heraus, diesmal als ein Freund, ein alter Trinkgefährte. Sie nahmen ein paar Schluck, erzählten sich alte Geschichten, und dann sprach Gott: »Nun, es wird jetzt Zeit, in den Himmel zu gehen, mein Freund. Also los.« Und sie gingen auf die Himmelstür zu. Und wieder­um bat Gott den alten Mann darum, seine Handvoll Erde loszulassen, und wiederum weigerte er sich.

 

Weitere Zeitalter gingen vorüber. Da kam Gott wieder heraus, dieses Mal als eine frohe und verspielte Enkeltochter. »Ach, Opa«, sagte sie, »du bist so lieb, und wir vermissen dich alle. Komm doch bitte mit herein.« Der alte Mann nickte, und sie half ihm auf, denn mit der Zeit war er nun sehr alt und gebrechlich geworden. Ja, er war so gebrechlich, dass er seine rechte Hand, die die Erde Kretas hielt, mit der linken stützen musste. Als sie auf die Him­melstür zugingen, verließen ihn seine Kräfte. Seine verkrümmten Finger lie­ßen sich nicht mehr zu einer Faust zusammenhalten, und der Boden rieselte zwischen seinen Fingern durch, bis die Hand leer war. Dann betrat er den Himmel. Das erste, was er sah, war seine geliebte Insel.

 

 Aus dem Buch „Wer bin ich? Persönlichkeitsfindung mit dem Enneagramm“ von K. Hurley/ T. Dobson

Die Kunst des leeren Ich

 

Eines Tages besuchte eine berühmte und angesehene Professorin zwei große und weise Meister der Kampfkunst.

"Ich bin von weit her gekommen, um Sie beide zu treffen, denn ich habe gehört, dass Sie große Meister des kara-te, der Kunst des leeren Ich, sind. Ich habe jahrelang eifrig studiert, um den Kern Ihrer Lehren zu verstehen. Können Sie mir erklären, was kara-te, das Leere Ich, bedeutet und wie es der Welt Frieden bringen kann? Was ist das Geheimnis dieser Leere?"

 

Der ältere der beiden Meister servierte gerade Tee, als die Professorin sprach. Er schenkte die Tasse der Besucherin voll und schenkte immer weiter ein, bis der Tee über den Rand lief und vom Tisch auf den Fußboden tropfte.

 

Die Professorin schaute zu, wie die Tasse überlief, bis sie sich nicht mehr beherrschen konnte. "Die Tasse ist doch voll", rief sie aus, "da geht nichts mehr rein!"

"Wie diese Tasse", sagte der Meister, "so ist auch Ihr Geist mit Fragen angefüllt und sucht nach Antworten. Solange Sie Ihre Tasse nicht leer machen, geht nichts mehr hinein. Genauso ist es mit Ihrem Geist: Sie können nichts aufnehmen, solange Sie ihn nicht leer machen.“

 

aus Terrence Webster-Doyle: „Im Zentrum des Wirbelsturms – Erzählungen der Meister der leeren Hand“

Desiderata

 
Gehe gelassen inmitten von Lärm und Hast
und denke an den Frieden der Stille.

So weit als möglich, ohne dich aufzugeben,
sei auf gutem Fuß mit jedermann.
Sprich deine Wahrheit ruhig und klar aus,
und höre Andere an,
auch wenn sie langweilig und unwissend sind,
denn auch sie haben an ihrem Schicksal zu tragen.
Meide die Lauten und Streitsüchtigen.
Sie verwirren den Geist.

Vergleichst du dich mit anderen,
kannst du hochmütig oder verbittert werden,
denn immer wird es Menschen geben,
die bedeutender oder schwächer sind als du.
Erfreue dich am Erreichten und an deinen Plänen.
Bemühe dich um deinen eigenen Werdegang,
wie bescheiden er auch sein mag;
er ist ein fester Besitz im Wandel der Zeit.

Sei vorsichtig bei deinen Geschäften,
denn die Welt ist voller Betrügerei.
Aber lass deswegen das Gute nicht aus den Augen,
denn Tugend ist auch vorhanden:
Viele streben nach Idealen,
und Helden gibt es überall im Leben.

Sei du selbst.
Täusche vor allem keine falschen Gefühle vor.
Sei auch nicht zynisch, wenn es um Liebe geht,
denn trotz aller Öde und Enttäuschung verdorrt sie nicht,
sondern wächst weiter wie Gras.

Höre freundlich auf den Ratschlag des Alters,
und verzichte mit Anmut auf die Dinge der Jugend.
Stärke die Kräfte deines Geistes,
um dich bei plötzlichem Unglück dadurch zu schützen.
Quäle dich nicht mit Wahnbildern.
Viele Ängste kommen aus Erschöpfung und Einsamkeit.
Bei aller angemessenen Disziplin,
sei freundlich zu dir selbst.
Genau wie die Bäume und Sterne,
so bist auch du ein Kind des Universums.
Du hast ein Recht auf deine Existenz.

Und ob du es verstehst oder nicht,
entfaltet sich die Welt so wie sie soll.
Bleibe also in Frieden mit Gott,
was immer er für dich bedeutet,
und was immer deine Sehnsüchte und Mühen
in der lärmenden Verworrenheit des Lebens seien –
bewahre den Frieden in deiner Seele.
Bei allen Täuschungen, Plackereien und zerronnenen Träumen
ist es dennoch eine schöne Welt.

Sei frohgemut. Strebe danach glücklich zu sein.

 

Lebensregeln von Max Ehrmann, 1927

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Titelfoto: Kai Flemming

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