Inspirationen zum Nachsinnen

 

Ja,

 

lebendiger jedes Mal

 

noch tiefer

 

und noch höher

 

zäher verkrallt die Wurzeln

 

und gelöster die Flügel

 

Freiheit des fest Verwurzelten

 

und Sicherheit des unendlichen Fluges

 

 

 

Juan Ramon Jemenez

 

Ich habe

vom Blühen geträumt

heut Nacht

Zweige waren wir

du und ich

an einem Baum

der MOrgen sah uns zu

mit großen Augen

und verriet uns noch nicht

und durch die Ritzen des Himmels

tropfte es

unaufhörlich

das Licht

 

 

Isabella Schneider

Entfernt

 

Ich bin weit entfernt

von mir

 

Komme mir

selber entgegen

und erwarte mich

 

Die Erwartung bleibt

hinter mir zurück

 

Rose Ausländer

Wunsch an das Leben

 

Zu sein, wer ich bin,

nicht mehr

aber auch nicht weniger

 

und ganz,

 

um da zu sein

für die,

die ich liebe.

 

 

Catarina Carsten

Älter werden                                        

 

 

Zögern mitten im Satz

 

Nachfragen wenn man glaubt
Es verstanden zu haben

 

Es nicht mehr eilig haben
mit dem Wissen wollen

 

Einen Stein ein Glas eine Hand
länger festhalten als nötig

 

Den Ärmel des Gegenübers beim Reden berühren
zu spüren man ist noch da

 

Ein Buch einen Blick eine Haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

 

Erinnern statt sehnen

 

Den Gedanken: Das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen Muskel

 

Gefühl als wäre jemand im Zimmer

 

Ulla Hahn

Die Schuldfrage

 

Ein Passant geht die Straße entlang. Plötzlich stürzt ein Mann eilig aus einem Hauseingang- die beiden prallen heftig gegeneinander.

Der Eilige ist furchtbar wütend, schreit und beschimpft den überraschten Passanten.

Daraufhin verbeugt sich dieser und sagt:

"Ich weiß nicht, wer von uns an diesem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige sind, können Sie die Sache einfach vergessen."

Damit verbeugt er sich und geht schmunzelnd seines Weges.

 

nach Anthony de Mello

Der Strom

 

Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte:

„Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.“

„Aber wie sollte das zugehen?“

„Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.“

„Aber kann ich denn nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?“

„In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme.

„Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.“

Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.

aus: „Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“

 

ReiseSegen

 

über dir

das freie Zelt des Himmels

unter dir

erdenwarm die Mutter

die dich trägt

neben dir

die zarte Hand des Freundes

vor dir

flügelhell dein Engel

der dich leitet

in dir

der ewige Gott der dich liebt

 

sein Segen sei mit dir

auf deiner Reise

 

 

 

Cornelia Elke Schray

Willkommen !

Titelfoto: Kai Flemming

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